Geister, Magier und Muslime: Iblis, Dschinn, Ilfrit, Qarin und Qarina

Der Autor und Ethneologe Kornelius Henschel hat vor einigen Jahren das wunderbare Buch “Geister, Magier und Muslime” (Geister, Magier und Muslime, Dämonenwelt und Geisteraustreibung in Islam, München 1997, Diederichs) veröffentlicht, welches von seiner Zeit unter den Sufis, Magiern und Muslimen in Nord-Afrika berichtet, über Zar-Rituale, Heilmagie und die vielältige Dschinn-Kultur. Viele Mediziner, Psychiater und Psychotherapeuten in der BRD sind wahrscheinlich nur oberflächlich mit diesem Teil der islamischen Volks-Medizin und Mythologie vertraut.

Der Psychiater Henry F. Ellenberger beschreibt in seinem Klassiker “Die Entdeckung des Unbewussten, Geschichte und Entwicklung der dynamischen Psychiatrie von den Anfängen bis zu Janet, Freud, Adler und Jung (Diogenes, 1985)” , dass jegliche Heilung von seelischen Leiden vorab diese notwendigen Fragestellungen benötigt:

– Was ist der kulturelle Hintergrund der Person?
– Wo befindet sich diese Person jetzt?
– Was ist die Familiengeschichte?
– Welche spezfischen Vorfälle ereigneten sich im Leben der Patienten?

Sexualitätsfragen und Konflikte führen laut Ellenberger oftmals zu Neurosen die ihren Ursprung in Schuldgefühlen haben. In der traditionellen islamischen Heilkunde gibt es als Therapie bestimmte Rezitationen (Zikr oder Dhikr geschrieben) und rituelle Vorgaben, welche helfen können, Schuldgefühle abzubauen. Viel genutzt wird das sogenannte Jonas-Gebet “La ilaha illa anta subhanaka inni kuntu minaz zalimin” – was übersetzt ungefähr bedeutet: “Es gibt nur einen Gott und Gott vergebe mir meine Schuld. Ich war Teil der schlechten Menschen”. Viele Hakime (traditionelle Heiler im islamischen Kulturkreis) verschreiben dazu weiterhin Sadqa – das sind Opfergaben, gute Taten, Spenden, Freiwilligendienste usw., welche neben dem obligatorischen Sakat (Abgabe vom Erwerb an die Armen) geleistet werden sollte.

In Fällen von Besessenheit (was Psychiater hierzulande wohl als endogene Psychose ansehen würden), sehen traditionelle Heilungsformen im Islam vor, dass ein intensiver Austausch zwischen Heiler und Patient und dem “bösen Geist” im Patienten stattfinden solle. Ganz ähnlich wie es in der Psychotherapie stattfindet.

Fuchs, von Roya Azal

Je nach Glaubenszweig (Schiite? Sunni?), Land und regionaler Kultur, gibt es im Folk-Islam verschiedene Arten von Geistern mit welchen sich der Hakim gut auskennen sollte. In Nordafrika sind vorallem die folgenden Geister anzutreffen:

Iblis
Iblis, ist der Name des Teufels. Die Wurzel des Namens ist b-l-s (von ‘ablasa – ohne Hoffnung sein, denn Iblis hat keine Hoffnung auf Allahs Barmherzigkeit). Iblis wird auch Al-Saytan (Saytan) genannt, oder ‘Aduw Allah (Feind Gottes). Im Koran wird Iblis sowohl den Engeln wie auch den Dschinn zugerechnet. Die Dschinn wurden aus dem rauchlosen Feuer Samum geschaffen (Sura 15/27), die Engel aber aus dem Licht. Iblis ist ein gefallener Engel.

Saytan
Die Sayatin (Singular: Saytan) sind nach den Engeln und Dschinn die am häufigsten erwähnten Geistwesen im Islam. Es beschreibt  ein dämonisches Wesen, ein Tier. Das Wort ansich stammt aus dem Hebräischen. Es gibt bezüglich der Beschaffenheit der Sayatin Uneinigkeit.

Ilfrit
Ilfrit sind besonders bösartige Dschinn.

Gul
Der Gul ist ein grausiger, meistens weiblicher Dämon, der in der Wüste haust und Reisende überfällt und auffrisst.

Marid
Die Wurzel des Wortes ist “marada” – widerspenstig, rebellisch sein. Marid gelten als besonders gefährliche Dschinn.

al-Ummar
Das sind Dschinn Siedler, die überall wohnen können. Es gibt insgesamt 66 Dschinn Stämme.

al-Budhu
Buduh ist eine Liebesdämonin, die sich im Umfeld Liebender aufhält.

Dschinn Fürsten
Die Dschinn Fürsten spielen in der islamischen Magie eine grosse Rolle. Es gibt 7 Dschinn Fürsten, was ein Hinweis auf die babylonische Wurzel des Dschinn-Glaubens ist (dort gab es 7 Hauptgeister).

Tagut
Diese Art von Dschinn halten sich an Orten auf, wo Menschen gewaltsam starben.

Qarin
Der Qarin (Plural: Qarana) wird als Begleiter gedeutet. Jeder Mensch hat einen Qarin, ein dunkles Abbild des Selbst, und einen Engel, einen hellen Begleiter. Im Koran wird der Qarin als versuchender Geist dargestellt der direkt von Gott eingesetzt wird um uns zu prüfen. Im Gebet werden diese beiden Geister respektvoll von Muslimen gegrüsst – auch der dunkle.

Die Qarana werden mit der vorislamischen Zeit in Verbindung gebracht und im speziellen den Wahrsagern (Kuhhan), vor denen im Koran ausdrücklich gewarnt wird.

Qarina – die Kindbettdämonin
Die weibliche Form des Qarin ist die Qarina – die Kindbettdämonin (aka “die Post-Natale Psychose”). Henschel schreibt:

“Diese weibliche Form des Qarin nimmt im Volksglauben eine zentrale Stellung ein. Sie wird im allgemeinen als Kindbettdämonin bezeichnet und mit der Gestalt der Lilith (siehe auch die Lilith Legende) in Beziehung gebracht.

Die Qarina schwor Rache am Menschengeschlecht zu nehmen und versucht seitdem die Ungeborenen und die Kleinkinder in ihre Gewalt zu bekommen. (..)

Erst der Prophet Solomon brach die Macht der Qarina, indem er gegen sie kämpfte. Er besiegte sie, und sie musste mit ihm einen Vertrag schliessen, in dem sie sich verpflichtete niemanden mehr zu belästigen, der diesen Vertrag bei sich trägt und als Amulet verwendet.” (Henschel, Seite 35).

Siehe hierzu auch mein Beitrag zu Gottes Höchsten Namen (Ism Allah Al-Azam), dem Siegel des Solomon (Khitam Sulayman) – dies ist das Amulet welches die psychotische Macht der Qarina, Saytane, Iblis, Ilfrit usw brechen soll.

Gottes Höchster Name

Gottes Höchster Name aka Das Siegel des Solomon

In den islamischen Folk-Kulturen wird bis zum heutigen Tage Iatro-Magie (Magie als Therapeutikum) zur Behandlung von körperlichen und psychischen Beschwerden praktiziert. Dies ist kein Ausdruck eines “primitiven” Aberglaubens, sondern Bestandteil und Ausdruck unseres Weltkulturerbes und unseres medizinischen und psychotherapeutischen Weltwissens.

Der grosse persische Arzt Ibn Sina (Avicenna, 980 – 1037) hat die Grundlagen für die moderne Psychotherapie und Psychiatrie geschaffen, als er Geisteskrankheiten erstmals kategorisierte, diagnostische Parameter entwickelte und verbindliche Behandlungsmethoden einführte, die teils noch heute angewandt werden. Iatro-Magie entwickelte sich von der Beschwörung von Dschinn und Geistern weiter zum Mesmerismus, weiter zur Hypnosetherapie um schliesslich zur heutig bekannten Psychotherapie zu werden. Die Grundlage aller Behandlungen des Geistes ist die Behandlung von Selbst-Täuschungen und falschen Annahmen – ein philosopischer Akt sozusagen. Denn was ist eine falsche Annahme, und was nicht? In der Iatro-Magie der islamischen Welt finden sich vielfältige Methoden der Beschwörung die von schamanischen entheogenen Trips und Opferritualen hin zu komplizierten und komplexen Rezitations-Formeln reichen. Wenn so eine Formel ebenso gut wirkt wie eine langjährige Psychotherapie – wie erschütternd wäre das für das Selbstverständnis der westlichen Wissenschaften? Der Siegel des Solomon ist auf jeden Fall zentraler Bestandteil der komplexen Therapieformen in den islamischen Kulturen.

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