Donnerblume von Kirsten Roya Azal

Über einen Deutschen Islam: Der Feuergeist von Dahme

“Bis heute lassen sich die vielfältigen Ideen des Islam in Deutschland wieder finden, zumal auch in der Folklore, den Volkssagen und religiöser Architektur.”

Kürzlich las ich einen Artikel (“Die offene Gesellschaft muss sich ihren Gegnern stellen“) geschrieben von Herrn Wolfgang Schäuble, Finanzminister der BRD, über einen deutschen Islam bzw. den Islam in Deutschland. Es ist mühselig immer wieder betonen zu müssen, dass der Islam schon seit langem, seit vielen hundert Jahren, in Deutschland ist und seine kulturellen Spuren hinterlassen hat und mit deutscher Kultur fusionierte und deutsche Kultur wurde. Mit der Öffnung des mittelalterlichen Abendlandes, während und nach den Kreuzzügen, wurden allerlei Ideen aus dem Morgenland nach Deutschland gebracht und halfen die Renaissance auf den Weg zu bringen. Bis heute lassen sich die vielfältigen Ideen des Islam in Deutschland wieder finden, zumal auch in der Folklore, den Volkssagen und religiöser Architektur.

In diesem Sommer hatte ich das Glück, in der Kirche St. Marien Dahme in der Mark Brandenburg meine Ausstellung “Gott ist schön, und er liebt die Schönheit” zeigen zu dürfen. Diese Kirche wurde zuerst im romanischen (frühmittelalterlichen) Stil im 12. Jahrhundert gebaut, in der Gotik weiter ausgebaut, brannte in 1666 ab und wurde im barocken Stil wieder aufgebaut. Wer in dieser schönen Kirche und um die Kirche herum ein wenig spazieren geht, entdeckt die Spuren der bewegten, langen Geschichte. Man findet romanische Fundamente, gotische Bögen, Rosenfenster und mathematische Strukturen (importierte Stil-Elemente aus der islamischen Architektur), barocke Windungen, immergrüne Verzierungen, und geheimnisvolle Türen die eine betörende Einladung sind, sich mit den unstofflichen Dingen dieses Lebens auseinanderzusetzen. Ich war bezaubert von diesem Ort und fühlte darin intensiv eine grosse spirituelle Kraft, Freude und Weltoffenheit.

Wieder zurück nach Berlin gekehrt, machte ich mich daran, Sagen aus der Mark Brandenburg zu lesen und wurde in Bezug auf Dahme auch sehr schnell fündig. Wie Leser dieses Blogs vielleicht wissen, beschäftige ich mich vielfältig mit islamischen Schamanismus und Sufismus. Unter anderem beschrieb ich kürzlich die Menschen des Feuers und deren Heilungsrituale rund um Fatimah al Zahrah (a.s), der Tochter des Propheten (a.s). Ich stiess in einem Buch mit Sagen aus der Mark Brandenburg auf die Geschichte eines “Feuergeistes”, welcher den Brand von Dahme aus 1666 verursacht haben soll – als Reaktion auf Lieblosigkeit. Im Islam würde so ein Feuergeist als Jinn bezeichnet werden.

Unersättlich frass es und frass es, und soviel die Leute auch riefen und nach dem Feuer schlugen, es hörte nicht auf zu fressen. 

In Dahme lebte eine Frau, die mit dem Feuer nicht gut umging. Hatte sie sich geärgert, und das geschah oft, stiess sie mit dem Ofenhaken in die Glut, dass die Funken hell auftoben und das Feuergeisterchen, dass im Ofen wohnte, nicht wusste, wo es hin solle. Auch kam es ihr nie in den Sinn, abends die Glut sorgfältig zusammenzuschieben und die Asche darauf zu legen. Das bereitete dem Feuergeistchen viel Kummer. Wenn es sich mit seinesgleichen unterhielt, sagte es: “Ach, sei nur froh, dass ihr nicht in meinem Haus wohnt. Die Frau ist keine gute!”

Eines Morgens wurde es schlimm. Die Frau glaubt, ihrem Mann schmecke die Morgensuppe nicht. Sie hatte sie zwar anbrennen lassen, trotzdem fuhr sie ihn hart an. Ob sie ihm etwa jeden Tag Bratwurst vorsetzen solle? (…) Ärgerlich warf sie den Besen nach ihm. Nun hatte sie genug (…), und als das Feuergeisterchen ein wenig züngelte, um zu sehen, warum sie schrie, schwappte sie ihm einen Guss kaltes Wasser auf den Kopf (..).Das Feuergeisterchen eilte vor Schreck davon, durch den Schlot auf das Dach. Dort sass es nun auf der Esse und schüttelte sich. Brrr… so eine Behandlung. Aber es wollte sich schon rächen!

An diesem Tag war Hochzeit bei reichen Leuten. Schon lange wurde das Fest vorbereitet. Die Kirchentür war grün bekränzt, drinnen brannten dicke Wachslichter. In den Strassen durch die der Hochzeitszug kommen sollte, waren Blumen und junges Grün gestreut. Alle Glocken begannen zu läuten, dass es nur so dröhnte.

Die Leute hielt es nicht länger in den Häusern. Auch die böse Frau wollte sich alles anzusehen. So schnell lief sie hinaus, dass sie die Pfanne mit Speck auf dem Ofen vergass. Das ist aber eine alte Geschichte, wenn man etwas auf dem Ofen vergisst, verbrennt es oder läuft über. (…) Sie stand und stand und gaffte den Hochzeitszug an, und erinnerte sich in keiner Sekunde an die Pfanne und den Speck auf dem Feuer. Unterdessen war das Feuergeistchen in die Pfanne geklettert und frass sich satt. Immer grösser wurde es, dass es mit seinem Schopf bis an die Decke reichte, und so stark, dass es den Balken auffrass und schliesslich das Strohdach und das Haus und schliesslich ganz Dahme und die Kirche. Unersättlich frass es und frass es, und soviel die Leute auch riefen und nach dem Feuer schlugen, es hörte nicht auf zu fressen. 

Das war der grosse Brand von Dahme, als man das Jahr 1666 schrieb.” (Der Feuergeist von Dahme, in: Der Schatz von Chorin, Sagen und Märchen aus der Mark Brandenburg, Stapp Verlag, Hg. Albert Burkhard).

St Marien, Dahme/Mark

St Marien, Dahme/Mark

Eine weitere Sage beschreibt ganz konkret, wie ein orientalischer Zauber in Dahme angewandt wurde.

Einst lebte auf der Burg in Dahme ein mächtiger und reicher Ritter. In seiner Jugend hatte er an einem Kreuzzug teilgenommen und in der Fremde von einer Sarazenin ein Kästchen erhalten. Mit diesem hatte es eine besondere Bewandtnis, es lagen nämlich ein Goldpfennig und ein Eisenpfennig darin. Der Goldpfennig sollte Unglück abwenden können, war es aber einmal fort, sollte der Eisenpfennig sorgfältig aufbewahrt werden, sonst könnte grösstes Unglück den Besitzer anheim fallen.” (Der Pfennigstuhl, in: Der Schatz von Chorin, Sagen und Märchen aus der Mark Brandenburg, Stapp Verlag, Hg. Albert Burkhard).

Die Geschichte erzählt wie dieser Ritter aus Geiz und Undankbarkeit sowohl den Goldpfennig als auch den Eisenpfennig verspielt und sich und seine Familie ins Unglück stürzt. Derartige Sagen finden wir vielfältig auch in 1001 Nacht und wurden im 18. & 19. Jahrhundert von Volksmärchen-Sammlern wie den Brüdern Grimm aufgeschrieben (die viel in der Mark Brandenburg unterwegs waren um Geschichten zu sammeln).

Die erweitere Bedeutung beider Geschichten ist, dass wir unser Glück verspielen, wenn wir die Dinge die uns anvertraut werden nicht hegen, lieben und pflegen. Der Islam kann Deutschland ein Fluch oder ein Segen sein. Es liegt an uns allen diese Beziehung wechselseitig froh zu gestalten und die Geschenke die es uns bringt, nicht durch Geiz, Angst, Dummheit und Hartherzigkeit zu verschleudern.

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