Tulpenfeuer, von Kirsten Roya Azal

Fatimahs Feuer – Spirituelle Überlieferung und Schamanische Heilkunst in Islam

“Es ist nicht meine Hand, die heilt, es ist die Hand unserer Fatimah Ana (Mutter).”~ Sufi Sprichwort

Es folgt eine kleine Legende über die Ursprünge der Heiltraditionen der Menschen des Feuers. Die Menschen des Feuers sind ein Islamisch-Schamanischer Stamm in Zentral-Asien und der Türkei. Sie weben ihre Heilkunst-Rituale rund um das Feuer, geschmolzenes Blei und Asche. Und rund um Fatimah Al-Zahra (a.s), der Tochter des Propheten (a.s). Die Tradition eine Feuerstelle als spirituellen Zentralpunkt zu unterhalten, wird auch von vielen Sufi Orden befolgt.

“Muhammed, a.s., der Prophet des Islam, machte ein Feuer, als eine Stimme ihn anrief, welche aus der Feuerstelle kam. Die Stimme sagte ihm, dass er die Asche des Feuers nutzen könne, gemischt mit Wasser um die Kranken zu heilen. So begann der Prophet die Kranken und Verwundeten zu heilen, aber nach einigen Jahren wurde er müde und entschied, diese Kunst des Heilens an seine Tochter Fatimah weiterzugeben. Also nahm sie seine Hand und ihr wurde auf diese Weise die Fähigkeit zu heilen spirituell übertragen. Als sie wiederum selbst müde wurde, gab sie die Fähigkeit weiter, im selben Ritual, an ihren Freund und Nachbarn Lokman (Arabic: Luqman). Lokman ist eine berühmte Figur im Islam– nach ihm ist die Sure 31 des Koran benannt. Lokman verbreitete die Kunst des Heilens zu verschiedenen Orten und Menschen und begann so die Tradition der Menschen des Feuers.” (Quelle: Gülnür Öngel, in “Thierry Zarcone and Angela Hobart, Shamanism and Islam: Sufism, Healing Rituals and Spirits in the Muslim World, I.B.Tauris, 2011).

“Eine der Voraussetzungen um ein islamischer Heilkundiger (Hakim oder Hakima) zu werden, ist, von Fatimah Ana erwählt zu werden, ihr im Traum zu begegnen und ihre Hand zu nehmen.”

Nach dieser Überlieferung sind der Prophet Muhammed (a.s), seine Tochter Fatimah (a.s) und Lokman die ersten drei Glieder in der Kette der Überlieferungen der Menschen des Feuers.  Eine derartige Kette wird sicherlich von vielen in Frage gestellt, da es keine historisch belegte, direkte Verbindung zwischen Lokman and Muhammed (a.s) gibt, und sicherlich nicht in dieser Reihenfolge, da der historische Lokman vor dem Propheten (a.s) gelebt haben soll. Auch wenn es nur eine Legende ist, hat diese Geschichte doch seinen eigenen Wert und vermittelt uns einiges an wertvollem Wissen. Lokman selbst (auch als Balaam bekannt) wird in der esoterischen Literatur übergreifend mit Hermetischer Philosophie, Alchemie, Schamanismus und Magie in Verbindung gebracht.

Tulpenfeuer, von Roya Azaltulip

Tulpenfeuer, von Roya Azal

Fatimah Al-Zahras (as) Rolle in der Überlieferung von Heilwissen in Sufi Ahnenreihen, spielt eine grosse Rolle in der Arbeit aller sufi-muslimischen Heiler. Fatimah Ana (unsere Mutter Fatimah) wird regelmässig während Heilritualen angerufen. Ausserdem ist es eine Voraussetzung um Heiler zu werden, dass man von Fatimah Ana persönlich gewählt wurde, man ihr im Traum begegnete und ihre Hand nahm. Der Ausspruch “es ist nicht meine Hand die heilt, sondern die Hand von Fatimah Ana” wird weitläufig angewandt. Sufi Schamaninnen welche ihre Hände für rituelle Gesten gebrauchen, sagen: “Es ist Fatimahs Hand”.  Eine weitere Geschichte über Fatimah und wie sie in die Heilkunst eingeführt wurde, wird von einem Stamm in Ost-Turkmenistan besprochen:
“Die Tochter des Propheten (a.s) sass im Schatten eines Baumes, als ein gelber Vogel von Himmel herabkam und auf einem Ast dieses Baumes sitzen blieb. Der Ast verdorrte sofort. Nicht lang danach verliess der Vogel den Baum, und der Schatten seines Flügels berührte Bibi Fatimah und sie wurde für 7 Tage krank. Als niemand fähig war, sie zu heilen, entsandte der Prophet nach Hilfe. 40 perfekte Männer wurden von Allah gesandt um sie zu heilen. Da sie vom Himmel kamen, erreichten nur 7 dieser 40 Männer die Erde, in einer Flamme, nahe einem Schrein. Sie errichteten einen Banner im Hause Bibi Fatimahs, welchen sie umzirkelte und so ihre Gesundheit wieder erhielt. ”

“Im authentisch-traditionellen Sufi Islam wird die Übertragung des “Geistes” und Einführung (Bayat) in einen Orden (Tariqua) durch die Hand des Scheichs vollzogen.”

Fatimas Krankheit ist sicherlich eine initiatorische Erkrankung und der gelbe Vogel augenscheinlich ein Symbol für böse Geister und Krankheiten. Die sieben Männer unter den perfekten 40 Männern wurden von Allah gesandt um sie zu heilen, und sind berühmte hilfreiche (und manchmal nicht so hilfreiche) Geister. Diese Geister sind in Iran und Zentralasien als Chihiltan oder Chiltan bekannt, was wörtlich übersetzt  “Vierzig Geister” (“Chihil” bedeutet 40 und “Tan” Geist). Die Zahl 40 kommt regelmässig in religiösen Überlieferungen in der muslimischen Welt vor. Umkreisungen um heilige Schriften und ähnliche Objekte sind eine rituelle Heiltechnik welche in ganz Asien vorkommt. Auch die Kabbah in Mekka wird umkreist. Die Legende demonstriert, wie Fatimah von der unsichtbaren, okkulten Welt, berührt wurde und wie ihr Wissen seit dem von Generation zu Generation weitergegeben wird – durch das Berühren der Hand. Im authentisch-traditionellen Sufi Islam wird die Übertragung des “Geistes” und Einführung (Bayat) in einen Orden (Tariqua) durch die Hand des Scheichs vollzogen – nicht wie heutzutage oft üblich, über Telefon oder eMail (oder facebook). Eine authentische Übertragung und Einführung kann nur durch den echten Handschlag stattfinden.

Eine Heilerin, welche eine bekannte Dienerin Fatimahs ist, erzählte mir ihre eigene initiatorische Geschichte:  “Ich hatte meine erste Begegnung mit Fatimah (a.s) ungefähr vor 14 Jahren, aber ich war damals kaum belesen in Islam oder Schamanismus oder Sufismus. Ich war in vieler Hinsicht ein Atheist, und ich glaubte nur an das Rationale. Dass ich so oft an Fatimah (a.s) denken musste führte ich auf ein paar oberflächliche Bücher zurück die ich kurz gelesen hatte, und welche mich dennoch faziniert hatten. Ich dachte für viele Monate viel über Fatimah nach, aber dann vergass ich sie. Dann verkehrte sich mein Leben ins chaotische und schwere Schicksalsschläge hämmerten auf mich ein. Eine schlechte Beziehung, Missbrauch, der Verlust meiner Wohnung, finanzieller Ruin und schlechte Gesundheit suchten mich heim. Es war in diesem Moment der totalen Verzweiflung, dass ich mich Fatimah Ana entsann und ich rief nach ihr in einem Traum und sie erschien. Sie schalte mich, dass ich sie verlassen hätte, aber gab mir  ihre Hand und brachte mich auf den Weg, auf dem ich jetzt bin. Und ich erhielt alles was ich verloren hatte wieder zurück – mit ihrer Hilfe.”

“Sie gab mir  ihre Hand und brachte mich auf den Weg, auf dem ich jetzt bin. Und ich erhielt alles was ich verloren hatte wieder zurück – mit ihrer Hilfe.”

Die Bedeutung von Fatimahs Hand könnte nicht klarer werden, als durch diesen persönlichen Beitrag. Aber es gibt auch andere Interpretation über die Bedeutung der Hand in der Sufi-Muslimischen Tradition. Gemäss einer anderen Interpretation (welche meist von Sunniten favorisiert wird), nahm der Prophet Muhammed (a.s) den Treueschwur seiner Gefolgsleute durch Handschlag entgegen und seitdem drücken Muslime ihre Gefolgschaft zu einem Scheich und zu Muhammed (a.s) durch den Handschlag aus. All dies skizziert, warum der Handschlag in der islamischen Kultur eine so hohe Bedeutung hat. Durch eine Berührung der Hände wird etwas “übertragen” und ein Handschlag bedeutet darum viel mehr als nur eine Begrüssungsgeste.

Bevor ich diesen Artikel abschliesse, will ich noch einmal kurz zum Feuer zurückkehren. In vielen Feuer-Geschichten in der Türkei oder Zentral-Asiens wird Fatimah niemals krank sondern lernt die Kunst des Heilens durch Asche von ihrem Vater  Muhammed (a.s). Es ist interessant, dass der einzige Hadith der einen Akt des Heilens durch Fatimah beschreibt, von niemanden anderen als Ismail Bukhari stammt. Bukhari beschreibt, dass Fatimah (a.s) und ihr Ehemann Ali Ibn-Talib (a.s) die Wunden des Prophet (a.s) versorgten, der bei der Schlacht von Uhud verwundet worden war. “Fatimah wusch die Wunden und Ali Ibn Talib brachte Wasser auf seinem Schild zur Reinigung der Wunden. Als Fatimah sah, wie das Wasser die Blutung weiter vorantrieb, nahm sie ein Stück der Strohmatte, verbrannte selbige und führte die Asche in die Wunde ein – das Blut konnte sich verdicken und die Wunde schloss sich.” Bukhari, 5, 277-8.

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